JÜRG BRÜHLMANN  

Švýcarsko

*1956. Studoval na Hochschule für Gestaltung und Kunst v Zürichu, zabývá se produktovým, informaèním a výstavnickým designem. Získaná ocenìní: Braun Preis Kronberg, Leistungspreis der Stadt Zürich, Bundesamt für Kultur, Švýcarsko; Design Preis Schweiz, Design Austria Wien, Annual Design Review New York, Good Design Award Chicago, Art Directors Club New York. Pravidelnì publikuje èlánky k tématu prùmyslového designu v curyšském èasopise pro architekturu a design ‚Hoch patere‘; pøednesl øadu pøednášek v Design Centru v Lagenthalu k tématu ‚Design je každodenní záležitost‘, pøipravil sérii výstav ‚Švýcarští pionýøi designu‘ pro Museum für Gestaltung v Curychu; úèastnil se výstav v Basileji, Bernu, Luganu, Winterthuru, Curychu, Frankfurtu, Hannoveru, Mnichovì, Vídni, New Yorku, Chicagu. Je èlenem SID (Svaz švýcarských prùmyslových designérù), IIID (Mezinárodní institut informaèního designu).
 


Raum und Zwischenraum

Die Schrift und die Zeichen und Buchstaben von Adrian Frutiger.


Einleitung

Um einen einfachen Kugelschreiber herzustellen, braucht es 12 bis 16 Teile, ein Bürostuhl besteht aus 52 bis 64 Teilen, ein Kleinwagen sogar aus 2500 einzelnen Teilen. Mit nur 26 Buchstaben können wir tausende von Gedanken aufschreiben und erst noch in vielen verschiedenen Sprachen. Die Schrift ist ein genialer Baukasten. Von diesem Baukasten handelt mein Vortrag. Der Hintergrund dazu bildet unsere Ausstellung «Read me - mit Adrian Frutiger durch die Welt der Zeichen und Buchstaben»


Die Sprache zum Leben

Der Mensch lebt, um sich auszudrücken. Eine von vielen Ausdrucks- und Verständigungsmöglichkeiten ist die menschliche Sprache. Vor allem im Austausch mit anderen Menschen kommt Sprache zum Tragen. Wir können beschreiben, kundgeben, fragen, berichten, appellieren, versprechen: an andere gewendet wie auch an uns selbst. Sprache und Denken entwickeln sich parallel.
Mit Hilfe der Sprache können wir den flüchtigen Gedanken im Ablauf der Denkprozesse fixieren. Sprache ist eng an ein Beziehungsnetz von Wahrnehmung, Speicherung, Denkablauf, Aufnahme und Wiedergabe gebunden. Sie ist beeinflusst vom soziolokulturellen Milieu, in dem wir uns aufhalten. Unterschiedliche sowie-ökonomische Bedingungen führen zu unterschiedlichen Sprachcodes.


Die Leichtigkeit des Designs

Die Form der lateinischen Buchstaben hat sich auch durch Materialien und Reproduktionstechniken verändert. Wurde Schrift vor 15 Jahren fotomechanisch auf Filmen belichtet und vor 25 Jahren noch in schwerem Blei gegossen, so ist sie heuite als Folge der Digitalisierung schwerelos und unendlich kopierbar geworden.
Nicht die Grossrechner der 60er- und 70er-Jahre haben den Gebrauch von Schrift revolutioniert, sondern die billigen, inzwischen omnipräsenten kleinen PCs mit der massenhaft verfügbaren Software. Das digitale Medium eignet sich bestens für die Verarbeitung von Schrift.


Die Geburt der Univers

Adrian Frutiger kam 1953 mit seinem Entwurf zur Univers gleich zur richtigen Zeit. Charles Peignot, der Ingaber der Schriftgiesserei Deberny & Peignot in Paris, hat die Marktchancen für dieses Schriftkonzept erkannt und Frutiger unter Vertrag genommen.
Die Werber, im Sog des deutschen Wirtschaftswunders, waren auf der Suche nach ‘griffigen’ Typen, die eben je nach Text, Produkt und Zweck passend kombiniert werden konnten. Genau diesen Forderungen entsprach die Univers und diese Schrift konnte ‘universal’ eingesetzt werden, da auch die Besonderheiten der verschiedenen Sprachen im Grundkonzept berücksichtigt worden waren. Als die Univers 1957 mit 21 ausgewogenen und aufeinander abgestimmten Variationen auf den Markt kam, war das eigentliche Neue an ihr, dass sie als geschlossenes Formensystem genau geplant worden war.
Aufgrund des Erfolges wurde die für den Fotosatz gezeichnete Univers später auch im Bleisatz hergestellt. Die Schwarzanhäufungen sind durchweg offen, was ein Zusammenfliessen der Form in den feinsten wie gröbsten Schnitten verhindert.
Ebenfalls in die 50er Jahre fallen die Schriftentwürfe Helvetica (Max Miedinger, 1957) und Optima (Hermann Zapf, 1958). Doch keine der genannten Schriften war auf Anhieb mit 21 Schriftschnitten auf dem Markt. Seit 1997 ist die Linotype Univers mit 59 Schriftschnitten erhältlich.


Die Computer lernen lesen

Im Zuge der Entwicklung von EDV-Anlagen wurden in der 60er-Jahren in den USA die ersten Schriftzeichen entwickelt, die das Binärsystem in sich selbst trugen und von einfachen Lesegeräten erfasst werden konnten. Später entwickelte sich die OCR-A daraus, also eine Schrift, die von Maschine und Mensch gelesen werden kann. Die OCR-A (Optical Caracter Recongition) beruht auf einem groben Raster, der die Schrift stark ‘stilisiert’ wirken lässt. Die Zahlen des Alphabetes begegnen uns noch heute, beispielsweise auf Kreditkarten.
Die European Computer Manufacturers Association war sich damals der Problematik um die Vernachlässigung des ästhetischen Ausdrucks einer Schrift für elektronische Zeichenerkennung bewusst. Als dann der Fortschritt der Digitalisierung es ermöglichte, das automatische Lesen zu verfeinern, kam es ab 1962 zu einer Zusammenarbeit mit Adrian Frutiger und somit zur Entwicklung der OCR-B. Im Gegensatz zum amerikanischen Pendant basiert die OCR-B auf einem viel feineren Raster, welches diese Schrift für das menschliche Auge angenehmer lesbar macht. Die OCR-B wurde 1973 zum Weltstandad erklärt.


Die Verbindung von Ost und West in der «Devanagari»

Die Devanagari hat eine über tausendjährige Tradition und wurde vor allem als die Schrift des Sanskrites berühmt. Ende der Sechzigerjahre untersuchte Adrian Frutiger im Auftrag des National Institue of Design im Ahedabad die typografischen Grundlagen der Devanagari mit dem Ziel, diese Schrift den damals modernen Statz- und Vervielfältigungstechniken anzupassen.
In einem umfangreichen Arbeitstagebuch machte sich Adrian Frutiger ein Bild von den kulturellen Gegebenheiten Indiens und hielt seine Hauptüberlegungen zur Devanagari fest. Das Sanskrit hat zum Teil dieselben Quellen wie das Griechische. Die Kalligraphie des zugeschnittenen Bambusrohrs folgt beim Sanskrit ebenso wie bei den abendländischen Schriften den gleichen funktionalen und ästhetischen Reglen von An- und Abstrich, Gerade und Rundung. Die Leserichtung ist rechtsläufig. Die Gesetze der Leserlichkeit bleiben dieselben. Wert und Form der Innenräume müssen zum Schwarz der sie umgebenden Striche in einem genau ausbalancierten Verhältnis stehen.
Adrian Frutiger hat in enger Zusammenarbeit mit Mahendra Patel zwei Schnitte der Devanagari erarbeitet, und Mahendra Patel hat die Arbeit an der Devanagari in Indien fortgeführt.


Die schwerelosen Steine der «Frutiger Stones»

Noch während seiner Ausbildung zum Schriftsetzer beeindruckte Adrian Frutiger die Vorstellung, «dass man mit sechsundzwanzig Lettern alle Gedanken - und dies in allen Sprachen - zusammensetzen und an den Leser weitergeben kann». Dem Staunen Ausdruck zu verleihen, die Faszination an der Materie wach zu halten und die Fähigkeit, Dinge immer in einen Gesamtzusammenhang verknüpft zu sehen, all dies ist prägend für Adrian Frutigers Schaffen. Sich ausdrücken mit einfachen klaren Formen, mit den Polaritäten Schwarz und Weiss, Licht und Schatten, Innen und Aussen.
Mit der Arbeit an der Stones scheint sich auch ein Kreis zu schliessen. Hier fand Adrian Frutigers Hinwendung zur freien Form ganz unmittelbaren Eingang in die Schriftgestaltung. Anhand dieser Schrift wird auch wieder sichtbar, dass handwerkliches Geschick und das vollendete Gefühl für Form allen Arbeiten Frutigers zugrunde liegt.


Zum Schluss

Wer überleben will, muss Spuren lesen können.

Der Mensch positioniert sich immer wieder neu. Er setzt sich in Beziehung zur Umbwelt, um sich über seinen eigenen Standpunkt klar zu werden. Wenn er weiss, wo er steht, wird er erkennen, wie er dahin kommt, wo er hin will. Dazu muss er seine Richtung wählen und den eigenen Weg finden.
Auf bekanntem Gebiet und konkretem Boden hilft ihm dabei seine kartographische Erinnerung, die er aus seinen oft lange zuvor gespeicherten Erfahrungen bezieht. Auf urbanem Neuland ihngegen endet seine Zielsuche leicht im Nirgendwo, wären da nicht freundliche, richtungsweisende Passanten oder Bild- und Schriftzeichen, die ihn leiten. Dann aber, in weiten, unbesiedelten Landschaften, ist plötzlich nichts mehr ortbar. Dann muss er wieder dem Lauf der Sonne folgen, um eine Richtung zu wählen.
Der Mensch muss Spuren lesen können, wenn er überleben will. Er muss die Dinge sprechen lassen, Zeichen lesen und Zeichen setzen, um der Orientierungslosigkeit und Irritation entgehen zu können. Ohne Zeichen sind wir verloren: Das war immer so und wird es immer bleiben.

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